23. Februar 2012, 00:00 Uhr

„Schwierigste Zeit meiner Laufbahn als Abgeordneter“

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Danckert über die Finanzkrise und seinen Schlaganfall

März 2011. Peter Danckert erwacht im Krankenhaus aus einer Narkose und weiß es sofort. Er ist halbseitig gelähmt. Ein Schlaganfall. Der 71-jährige Bundestagsabgeordnete kann die rechte Seite nicht bewegen. Nicht stehen, nicht gehen. Und draußen vor der Tür tobt die Finanzkrise.

Peter Danckert spricht im Bundestag. Nach einem Schlaganfall meldete er sich im vergangenen Jahr mit einer Verfassungsbeschwerde zu Wort. Foto: dpa Foto: dpa
Herr Danckert, wie haben Sie sich gefühlt in den Tagen des 16./17. März 2011?

Ich war so geschockt. Mein Lebensmut hatte mich fast vollständig verlassen. Ich war auf einmal vollständig auf fremde Hilfe angewiesen. Meine eine Körperhälfte war von den Zehenspitzen bis zum Kopf bewegungsunfähig.

Wie kam es dazu?

Bei einem operativen Eingriff, mit dem versucht wurde, einen möglichen Schlaganfall in Zukunft zu verhindern, muss sich etwas gelöst haben, was zu dem Schlaganfall geführt hat.

Wann haben Sie in diesen Schicksalstagen erstmals Hoffnung geschöpft?

Ab dem zweiten, vielleicht dritten Tag habe ich meinem Leben eine Chance gegeben. Nach sechs Tagen wurde ich in die Reha verlegt, und dort haben die Therapeuten von der ersten Minute an versucht, mich wieder in die Senkrechte zu bringen. Langsam und schleichend entwickelte sich eine Situation, in der ich dachte, es gibt doch Hoffnung. Als ich nach gut vier Wochen das erste Mal wieder alleine stehen konnte, ohne fremde Hilfe, sind mir die Gefühle durchgegangen. Ich habe schlicht geweint vor Freude.

Seit dem Schlaganfall ist noch nicht ganz ein Jahr vergangen. Wie fühlen Sie sich heute?

Es gibt gute und schlechte Tage. Streckenweise fühle ich mich total wiederhergestellt. Es gibt noch ein paar Einschränkungen, auch hin und wieder beim Laufen. Ich habe vergangenes Jahr nach der Sommerpause meine Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter für die Wahlkreise Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming wieder aufgenommen. Sie ist für mich anstrengender als früher. Während ich vor dem Schlaganfall locker 14- bis 16-Stunden-Tage absolviert habe und überhaupt nie an einen Mittagsschlaf gedacht habe, kann ich mich jetzt manchmal gut zwei Stunden hinlegen, und manche Acht-Stunden-Tage sind durchaus anstrengend für mich. Mein Ziel ist es, irgendwann weitgehend wiederhergestellt zu sein.

Das ist ehrgeizig nach einem Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung. Wie gehen Sie das an?

Die Herstellung der Rollstuhlfähigkeit, wie es so schön heißt, wäre mir viel zu wenig. Ich arbeite nach wie vor täglich mindestens eine Stunde mit verschiedenen Therapeuten. Wer halbseitig gelähmt war, muss wie ein Kind wieder laufen lernen, aus dem Rollstuhl heraus. Die Therapeuten helfen dabei, aber man muss selbst aktiv mitarbeiten. Ein echtes Handicap war für mich, dass ich nach drei Monaten den rechten Arm noch nicht wirklich bewegen konnte. So ein Arm wiegt zwischen sieben und zehn Kilogramm; wenn er immer nur hängt, kommt er aus der Schulterkapsel heraus und ein Teufelskreis an Verletzungen und Schmerzen beginnt, den man aufhalten muss.

Das scheint gelungen zu sein – Sie schneiden gerade Ihr Brötchen mit dem Messer in der rechten Hand durch.

Und dabei ist das Messer ziemlich stumpf! Seit September mache ich zusätzlich Krafttraining und schwimme, das greift mit den anderen Therapien ideal ineinander. Ich kann heute Dinge, beispielsweise durch verbesserte Bauchmuskulatur, die ich früher nicht konnte – und die viele Menschen in meinem Alter nicht mehr können. Anderes, wie etwa das Joggen, wird wohl – obwohl ich es schon probiert habe – schwierig bleiben.

Was hat Ihnen im Genesungsprozess am meisten geholfen?

Dass meine Frau und meine Kinder da waren. Ihre Anwesenheit und Unterstützung war sehr aufbauend für mich. Aber auch der Faktor, dass die Therapeuten sich unendliche Mühe mit mir gegeben haben. Wenn sie sich so ins Zeug legen, will man dem nicht nachstehen, und wenn manches erstmal nicht klappen will, konzentriert man sich eben und strengt sich noch mehr an.

Was würden Sie anderen Schlaganfallpatienten auf den Weg geben, aus Ihrer Erfahrung heraus?

Viele Krankheiten bieten die Chance, nochmal zurückzukommen. Ich kann natürlich nur für mich sprechen; Schlaganfälle betreffen sehr unterschiedliche Menschen auf sehr verschiedene Weise. Man kann nicht sagen, es wäre alles wiederherstellbar, aber es ist sehr viel mehr möglich, als man zunächst vermutet. Ein Beispiel: Man will vom Kopf her ein Signal aussenden an die Hand, aber die Hand reagiert nicht. In 1000-facher Wiederholung übt man das, und es bilden sich neue Nervenverschaltungen, Gehirnzellen werden umgenutzt, einige der geschädigten regenerieren, andere, nicht betroffene, übernehmen neue Funktionen. Muskeln und Sehnen werden wieder gangbar, das Gleichgewichtsgefühl wird wiederhergestellt. Aber wer sich verloren gibt und „bequem“ im Rollstuhl sitzen bleibt, kommt da nicht hin. Da helfen auch die besten Therapeuten nicht. Die Chance, die einem das Leben bietet, muss man selbst nutzen.

Seit Mitte September arbeiten Sie wieder. Wie ging das?

Ich habe sogar schon vorher an einer wichtigen Abstimmung teilgenommen. Aber ich muss auch sagen, dass die vergangenen 18 Monate die schwierigste Etappe in meiner Laufbahn als Bundestagsabgeordneter darstellen, unabhängig von der vorübergehenden Behinderung durch den Schlaganfall, wegen der Staatsschulden- und Finanzkrise. Fakt ist, dass alle Staaten in Europa – und darüber hinaus – jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt haben. Damit sind riesige Schuldenberge entstanden. Die Staaten – auch Deutschland – mussten sich auf den Finanzmärkten Geld holen und die Zinsen bezahlen. Je wirtschaftsschwächer sie sind, desto mehr Zinsen müssen sie bezahlen, und je größer die Schulden im Vergleich zum Bruttosozialprodukt, desto größer das Problem. Das wird uns noch auf Jahre beschäftigen, und die Bürger müssen wissen, dass der Staat nicht alles, was wünschenswert ist, bezahlen kann.

Sie haben für Aufsehen gesorgt mit Ihrer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Sie positionieren sich gegen ein neunköpfiges, geheim tagendes Sondergremium und argumentieren, dass alle Abgeordneten der Verfassung nach gleich sind. Was bedeutet dieser Paukenschlag für Sie?

Unabhängig von ihrem Ausgang wird dies eine Entscheidung sein, die wohl noch in 30 Jahren Studenten, Juristen und Professoren beschäftigt. Sie wird für Ende Februar/Anfang März erwartet. Inzwischen hat sich die Gerichtsbesetzung verändert, so dass die ursprünglich klare Entscheidung von 7:1 für die Anordnung, nach der das Gremium nicht gebildet werden durfte, jetzt nicht mehr als Zeichen für einen entsprechenden Ausgang des Verfahrens gewertet werden kann. Der Haushaltsausschuss wäre aber – das haben die vergangenen Monate gezeigt – auch ohne Neuner-Gremium in der Lage, über die Vergabe von Euro-Bürgschaften an überschuldete Staaten zu entscheiden. Es gab auch einen Notfallplan, das so zu machen, er wurde nur nicht öffentlich diskutiert.

Die Landesregierung verfolgt die Absicht, in absehbarer Zeit eine Kreisgebietsreform durchzuführen. Dahme-Spreewald wehrt sich bereits jetzt dagegen, eventuell mit Spree-Neiße und Cottbus zusammengelegt zu werden. Wie stehen Sie dazu?

Ich glaube, dass man eines Tages nicht nur die Politiker, sondern auch die Menschen entscheiden lassen muss. Gerade jetzt ist es wichtig, dass die Landkreise an der Diskussion beteiligt werden. Ein Großkreis Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming hätte eine glänzende Perspektive. Vor dem Hintergrund anderer Gebilde im Süden stellt sich dann die Frage der Gerechtigkeit. Umgekehrt ist der Ausgleich des Gefälles im Norden und Süden innerhalb des LDS gut gelungen; da weiß ich nicht, ob es mit Blick nach Cottbus in gleicher Weise möglich wäre.

Sind ausschließlich Zusammenlegungen möglich oder könnten auch Teile von Kreisen neue Gebilde formen?

Ich glaube, da gibt es keine Denkverbote. Dann könnten ja auch geografische Besonderheiten berücksichtigt werden.

Wie zum Beispiel der Spreewald.



Ja.

2013 stehen Bundestagswahlen an. Werden Sie wieder antreten?

Das hängt von vielen Faktoren ab, die noch nicht entschieden sind. Und letztlich müssen die Menschen entscheiden, ob sie jemanden akzeptieren, der dann 73 Jahre alt ist. Vielleicht denken sie, der hat den Überblick. Oder ob sie finden, da müsste mal jemand Jüngeres ran.





Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

 

Zum Thema:

Gemeinsam mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Swen Schulz reichte Peter Danckert im Oktober vergangenen Jahres Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. Beide wandten sich dabei gegen das Sondergremium zur parlamentarischen Kontrolle des Euro-Rettungsschirms. Danckert ist der Meinung, dass die Übertragung von Entscheidungsbefugnissen des Bundestags auf ein solches Kleinstgremium seine Rechte als Abgeordneter verfassungsrechtlich einschränkt. Zur PersonDr. Peter Danckert wurde am 8. Juli 1940 in Berlin geboren. Nach der Promotion 1967 wurde er Rechtsanwalt. 1975 trat er in die SPD ein, 1998 wurde er Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist außerdem Honorarprofessor für Recht und Politik an der TH Wildau (FH). Peter Danckert ist verheiratet und hat vier Kinder. Seine Wahlkreise sind Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming.
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Erstellt am: 23. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 24. März 2012, 14:30 Uhr
Autor: Mit Peter Danckert sprach Ingvil Schirling

Mit Peter Danckert sprach Ingvil Schirling

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